Die Kinderabgabe in der Findelanstalt

Ein Beitrag aus: Illustriertes Extrablatt, Wien, 8. Juni 1872 (Lesezeit 3 Minuten)

„Neun Tage nachher, nachdem sie einem Kinde das Leben geschenkt, werden jene Frauenspersonen, welche im allgemeinen Krankenhause Hilfe gesucht haben, in einem geschlossenen Wagen, in das Findelhaus überführt. Die Fenster dieses Wagens entbehren aber die Vorhänge, aus welchem Grunde sich stets eine Anzahl Neugieriger demselben anschließt, um die Darinsitzenden sehen und belächeln zu können. Im Hofe des Findelhauses verlassen die Wöchnerinnen den Wagen mit ihren Kindern und begeben sich in das sogenannte „Wasserzimmer,“ in welchem ihnen die Kinder abgenommen, gewogen und zur ärztlichen Visitation bereitstehende Lager der Reihe nach angewiesen werden.

Jedes Kind erhält um den Vorderarm gebunden ein Leinwandbändchen, auf welchem seine Aufnahmezahl mit Merktinte geschrieben wurde, und behält dieses Bändchen bis zur Abgabe an die Pflegepartei, damit keine Verwechslung stattfinden kann. Hierauf werden die Kindesmütter untersucht, ob sie zum „Ammendienst“ sich eignen. Ist dies der Fall, so müssen sie sich zu einem viermonatlichen Ammendienst in der Anstalt bequemen.

Es ist selbstverständlich, daß die vom Arzte für geeignet Erklärten häufig in ein Jammergeschrei ausbrechen und sich meistens nur sehr schwer in die viermonatliche Gefangenschaft im Findelhause zu finden wissen. Zumeist trifft dieses Loos die hübschesten und drallsten unter den Mädchen; die größte Anzahl passirt aber durch das ärztliche Urtheil „Abgelebt“ diese Klippe. Nachdem die Aufnahme der Kinder und Ammen, um zwei Uhr beiläufig, vorüber ist, wird zur Abgabe der Findlinge an die Pflegeparteien geschritten. Unser Zeichner hat diesen Moment dargestellt.

Kinderabgabe in der Findelanstalt

Kinderabgabe in der Findelanstalt (Illustrirtes (sic!) Extrablatt, Wien, 8. Juni 1872)

In der Mitte des Bildes, mit dem Rücken gegen den Beschauer gewendet, steht die Ober-Madame Frau Horak, welche eben im Begriffe ist, einer „drallen Slovakin“ ein Kind zu übergeben. Links von ihr steht die Mutter des Kindes. Sie ist, sowie ihre Kolleginnen, welche die linke Seite des Bildes einnehmen, in die Ammentracht gekleidet, nämlich: weißes Häubchen, weißes Korsett und ebensolcher Rock nebst Schürze. Da die Direktion namentlich auf Reinlichkeit ein großes Gewicht legt, so sehen die Ammen alle sauber und proper aus. Natürlich trennen sie sich meistens sehr schwer von ihren Kindern, und so sehen wir auch, wie die Mutter des soeben abzugebenden Kindes sich mit ihrem Tuche das Gesicht verhüllt, um die Thränen zu verbergen. Die Ober-Madame richtet an die Pflegepartei die Ermahnung, das ihr übergebene Kind sorgsam zu pflegen.

Uibrigens werden all jene Personen, welche sich zur Uibernahme von Findelkindern melden, im Laufe des Vormittages von dem Direktor des Findelhauses und einem Beamten einem sorgfältigen Examen unterworfen, und wenn sie demselben entsprechen und sich durch Zeugnisse der Gemeinden und Pfarrämter, respektive der Polizei-Kommissariate ausgewiesen haben, erhalten sie den sogenannten Findelbogen, auf welchem die Aufnahmszahl des ihnen zur Pflege übergebenen Kindes ersichtlich gemacht wird, und in welchem die Verhaltensregeln der Parteien gegenüber der Anstalt enthalten sind. – Die Slowakin, welche im Begriffe steht den Findling zu übernehmen, hält diesen Bogen und ein Zertifikat der Eisenbahn, durch welches ihr freie Rückfahrt mit dem Kinde in ihre Heimat zugesichert ist, in der Hand. Der dermalige Direktor der Anstalt, Dr. Fridinger, hat nämlich bei allen Bahnverwaltungen für die Pflegeparteien das Recht erwirkt, daß sie, wenn sie zur Herfahrt nach Wien die Bahn benützt haben, mit einem Findelkinde unentgeltlich zurückfahren können. Um drei Uhr ist die Kinderabgabe beendet, und nachdem die meisten Mütter von denselben Abschied genommen und den Parteien noch Mancherlei zugesteckt haben, wie Zucker, Kaffee, Wäsche, Geld u. s. w., um ihren Kindern eine gute Pflege zu sichern, verlassen die Pflegeparteien das Findelhaus.

Dies ist in kurzer Schilderung das Schauspiel, das sich täglich in dem Findelhause abspielt. Freilich wird gar häufig ein Trauerspiel daraus.“

Mehr zum Findelhaus:

https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Findelhaus

Findelhausprotokolle im Wiener Stadt- und Landesarchiv:

https://www.wien.gv.at/actaproweb2/benutzung/archive.xhtml?id=Ser+++++00008910ma8Invent#Ser_____00008910ma8Invent/

Römisch-katholische Matriken der Pfarre Alservorstadt / Alservorstadtkrankenhaus:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-alservorstadtkrankenhaus/

Quelle:

Illustrirtes (sic!) Wiener Extrablatt 8. Juni 1872, Seite 1, online verfügbar (7.9.2017):

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=iwe&datum=18720608&seite=1&zoom=44

Bild: Privatbesitz Dr. Gottfried Scholz

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