Bis Du heiratest, wird´s schon gut!

Diesen Spruch haben wir seit Generationen immer wieder bei kleineren und größeren Verletzungen gehört, es hat auch fast immer beruhigt. Aber wann durfte man früher eigentlich heiraten?

Im alten deutschen Recht war diese Frage irrelevant, da für diese Frage die Einigung der beiden Sippen wesentlich war. Anders im Kirchenrecht: Hier war die Ehefähigkeit vom Alter der beiden Betroffenen abhängig. Für den Bräutigam galt das Mindestalter von 14 bzw. 16 Jahren, für die Braut 12 bzw. 14 Jahre. Eine Zustimmung der Eltern zur Verehelichung war nicht vorgesehen. Eine Eheschließung bis zum 7. Lebensjahr war rechtlich unwirksam, bei älteren Kindern konnte die Ehe später geheilt werden.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein gab es immer Spannungen um die Vormachtstellung zwischen Kirche und Staat, also um die vorrangige Stellung des Kirchenrechts oder jene des staatlichen Privatrechts. Im 16. Jahrhundert wurden staatlicherseits die kirchenrechtlichen Bestimmungen akzeptiert. Wurde jedoch die Ehe ohne Zustimmung der Eltern geschlossen, waren vermögens- und strafrechtliche Konsequenzen mit dieser Eheschließung verbunden. Noch im Jahr 1753 wurden „Sponsalia“ und „Ehecontracte“ ohne Zustimmung des Vormunds, des Kurators oder der Obrigkeit verboten, wobei eine derartige Ehe dennoch gültig blieb.

Ehepatent und Josephinisches Gesetzbuch

Wesentliche Änderungen wurden mit dem Ehepatent 1783 und dem Josephinischen Gesetzbuch 1787 wirksam (§ 6 Ehepatent [i], § 8 Josephinisches Gesetzbuch [ii]). Ab jetzt war für die Verehelichung Minderjähriger die Zustimmung des Vaters bzw. wenn es keinen gab, des Großvaters erforderlich, widrigenfalls die Ehe ungültig war. Verweigerte der Vater bzw. Großvater seine Zustimmung ohne triftigen Grund, konnte der / die betroffene Minderjährige die Zustimmung seitens des Gerichtes von Amts wegen erhalten.

Das Allgemein bürgerliche Gesetzbuch

Eine weitere wichtige Schnittstelle in der Entwicklung des Eherechts stellt das Allgemein bürgerliche Gesetzbuch [iii] (ABGB) 1811 dar:

abgb-ausschnitt

Unmündige unter 14 Jahren durften keinen gültigen Ehevertrag schließen, ihr Alter war ein Hindernis, für das eine Dispens nicht möglich war (§ 48 ff., § 83 ABGB). Für mündige Minderjährige und Pflegebefohlene war die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters erforderlich. Bei Fehlen der Zustimmung, wenn also dem / der Ehewilligen die Zustimmung nicht erteilt wurde, war die Ehe ungültig, sofern nicht eine Dispens erteilt wurde. Bei Verwehrung der Zustimmung konnte sich also der Betroffene an das Gericht wenden. Zwecks Einhaltung dieser Bestimmungen wurde den Geistlichen bei schwerer Strafe verboten Trauungen ohne die erforderlichen (Ehefähigkeits-)Zeugnisse vorzunehmen. Die Bestimmungen des ABGB hatten weitgehend unverändert bis zum Ehegesetz 1938 [iv] ihre Gültigkeit.

Das Ehegesetz 1938

„Ein Mann soll nicht vor Vollendung des 21. Lebensjahres, eine Frau soll nicht vor Vollendung des 16. Lebensjahres eine Ehe eingehen“ wird gleich im § 1 des Gesetzes normiert. Von dieser Vorschrift konnten die Ehewilligen befreit werden, der Mann jedoch nur dann, wenn er das 18. Lebensjahr vollendet hatte.

Geschäftsunfähige konnten keine Ehe eingehen. Minderjährige oder Personen, die in der Geschäftsfähigkeit eingeschränkt waren, bedurften der Eingehung einer Ehe der Zustimmung des gesetzlichen Vertreters. War der gesetzliche Vertreter nicht auch Sorgeberechtigter, war auch dessen Zustimmung erforderlich. Bei Verweigerung der Zustimmung konnte diese durch den Vormundschaftsrichter ersetzt werden.

Nach Wiedererlangung der Souveränität wurde das Eherecht bereinigt von Bestimmungen des nationalsozialistischen Gedankenguts in das österreichische Bundesrecht übernommen.

Familienrechtsreform 1973

Im Jahr 1973 wurde im Zuge der Familienrechtsreform [v] das Alter des Mannes auf das vollendete 19. Lebensjahr herabgesetzt und die Dispens für beide Geschlechter auf ein Jahr begrenzt. Im Jahre 2001 wurde mit dem Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 2001 [vi] das Ehemündigkeitsalter für beide Geschlechter auf das vollendete 18. Lebensjahr herabgesetzt. Eine Dispens ist für beide Geschlechter ab dem vollendeten 16. Lebensjahr möglich, sofern einer der Partner volljährig ist. Die aktuellen Bestimmungen des Ehegesetzes in konsolidierter Fassung sind im Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS) nachzulesen [vii].

Es besteht also trotz vieler rechtlichen Änderungen hinsichtlich des Ehemündigkeitsalters weiterhin die Hoffnung, dass der Spruch „Bis Du heiratest wird’s schon gut“ in vielen Fällen weiterhin seine Berechtigung haben wird.

Leopold Strenn, 5.10.2016

Bild anlässlich Trauung von Leopold Strenn und Theresia Plach, August 1910, Privatbesitz Leopold Strenn

Quellen:

i Verordnung – In Ehesachen, was den bürgerlichen Vertrag (Civilkontrakt) und dessen Folgen betrifft, für die sämmtlichen christlichen Religionsgenossen, online unter https://de.wikisource.org/wiki/Ehepatent_1783_(%C3%96sterreich) zuletzt abgefragt 5.10.2016

ii Joseph des Zweyten, Römischen Kaisers, Gesetze und Verfassungen im Justitz-Fache
für Böhmen, Mähren, Schlesien, Österreich ob und unter der Enns, Steyermark, Kärnthen, Krain, Görz, Gradisca, Triest, Tyrol und die Vorlande
in dem sechsten Jahre seiner Regierung; Jahrgang von 1785 bis 1786 – Zweyte Fortsetzung
,
kaiserlich-königliche Hof- und Staats-Serarial-Druckerei, Wien 1817; S., online verfügbar http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&aid=jgs&datum=10030003&zoom=2&seite=00000071&ues=on&x=16&y=9 insbesondere Drittes Hauptstück, Von den Rechten zwischen Eheleuten http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=jgs&datum=1003&page=86&size=45 zuletzt abgefragt 5.10.2016

iii http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.5.jsp?folder_id=0&dvs=1475656563120~17&pid=1169136&locale=de&usePid1=true&usePid2=true oder http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=jgs&datum=1012&page=472&size=45 zuletzt abgefragt 5.10.2016

iv Gesetz zur Vereinheitlichung des Rechts der Eheschließung und der Ehescheidung im Lande Österreich und im übrigen Reichsgebiet. Vom 6. Juli 1938. RGBl. I S. 807, Nr. 106 vom 8. Juli 1938 online verfügbar unter: http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&zoom=2&aid=dra&datum=19380004&seite=00000807 zuletzt abgefragt 5.10.2016

v Bundesgesetz vom 14.2.1973, Bundesgesetzblatt 108/73

vi Bundesgesetz vom 19.12.2000, Bundesgesetzblatt I 135/2000 https://www.ris.bka.gv.at/Dokument.wxe?Abfrage=BgblPdf&Dokumentnummer=2000_135_1&ResultFunctionToken=04530067-2553-4e35-a005-9d42cf9c1ee8&Position=1&Titel=&Bgblnummer=135%2f2000&SucheNachGesetzen=False&SucheNachKundmachungen=False&SucheNachVerordnungen=False&SucheNachSonstiges=False&SucheNachTeil1=True&SucheNachTeil2=False&SucheNachTeil3=False&SucheNachTeilAlt=False&VonDatum=01.05.1945&BisDatum=31.12.2003&ImRisSeit=Undefined&ResultPageSize=100&Suchworte= zuletzt abgefragt 5.10.2016

vii Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Ehegesetz online: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10001871 zuletzt abgefragt 5.10.2016

3 Gedanken zu “Bis Du heiratest, wird´s schon gut!

  1. Vielen Dank für diesen Überblick, insbesondere die Quellenangaben.
    Ein wichtiger Punkt war wohl auch immer die Volljährigkeit. Die Behauptung, daß mit der Heirat das schon wieder gut wurde, (oder ob das Mädel bloß vom Regen in die Traufe kam, weil der Ehemann nun die Vormundschaft übernahm), konnte wohl nicht immer bewiesen werden.
    In den Matrikeln stoßen wir immer wieder auf Vermerke über eine eingeholte Dispens abseits von kirchlichen Regelungen. War nicht meist die voraussichtliche wirtschaftliche Überlebensfähigkeit und aber auch der abgeleistete Militärdienst Voraussetzung für die Eheschließung?

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  2. Hallo Herr Strenn!
    Schön auf Facebook etwas von Ihnen zu finden. Der Artikel übers Heiraten ist sehr interessant!
    Frei nach Nestroy, wäre eine Liebesheirat, ein Vertrag zwischen zwei Blödsinnigen und somit eigentlich nicht gültig.
    Alles Liebe, hoffe es geht Ihnen gut liebe Grüße
    Uschi Oberlerchner@gmail
    (Ihre Serviererin vom Gasthof Ebner)

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